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Programm Deutsches Hopfenmuseum

Kabarett
am 1. April 2017

Werner Gerl

Werner Gerl

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Ivan Schmidt

Ivan Schmidt

geb. am 30.06.1984 in Kiev, Ukraine
Geburtsname: Ivan Chubukov
Studium: seit 2005 Freie Malerei bei Prof. Anke Doberauer, Akademie der Bildenden Künste (AdBK) München

Ausstellungen & Förderpreise:
2007:  Jahresausstellung AdBK München
2007: Gruppenausstellung „Kraft Werk Kunst“, München
Target Partners/Bild des Abends (1. Platz)
Bayerische Meisterwerke/Ankauf in die Kunstsammlung BMW

2009
NY Living Contest (2. Platz / Katalog)
Pinchuk Art Centre Award, Kiev (Katalog) / Ankauf in die Kunstsammlung Viktor Pinchuk
Gruppenausstellung in der Neuhauser Kunstmühle, Salzburg
Soloausstellung „Grey’s Grace“, München
Gruppenausstellung „Positionen“, bei der „Allianz“ Köln (Katalog)

2010
Gruppenausstellung „Sofa so good“, München
Shortlist Kulturpreis Dr. Astrid & Franz Ritter Stiftung, Straubing
Gruppenausstellung „Exchange MUC-DUS“ White Box, Filser & Graef, München (Katalog)
AMREF Flying Doctors Kunstauktion, St. Eurach
Gruppenausstellung „Bayern – Italien“, Wolnzach (Katalog, Presse)
Gruppenausstellung „Exchange DUS-MUC“ bei EON mit Filser & Graef, Düsseldorf (Katalog)
Art Kiev, Messe für zeitgenössische Kunst (Katalog)
Gruppenausstellung „Schneekristalle“, kuratiert von Dr. Barbara Rollmann-Borretty, v. Maltzahn Fine Arts Galerie

Kontakt
ivan.schmidt@gmx.de  |  www.ivanschmidt.de

Ivan Schmidt hat in seinen jungen Jahren bereits einen sehr komple­xen Werkzyklus geschaffen, das Ergebnis eines künstlerischen Reifeprozes-ses. Ursprünglich gab spontane und spielerische Experimentierfreude, begleitet von technischem Ehrgeiz, den Ausschlag für seine Idee. War die Formel einmal gefunden, kam der konzeptuelle Gedanke dazu – und mit ihm die Entscheidung, eine thematische Bildserie anzulegen, die zu gleichbleibenden Bedingungen Variationen eines Objektes dekliniert.

Bei diesen Figuren handelt es sich um die Portraits von gefalteten Papierbögen: Durch komplizierte Faltungen eines DIN A4-Papiers ent-wickelt der Künstler einen geometrischen Körper mit mehreren Kan-ten, den er in der gemalten Umsetzung als abstrakte weiße Form ins Bildzentrum setzt. Monumental beherrscht die Form die Bildformate. Sie steht auf einer zartgrauen Fläche, die im oberen Drittel von einer zwei­-ten Fläche in tieferem Grau begrenzt wird. Soweit die Eckdaten.

Nicht nur die Strenge des Konzeptes bietet viele Ansatzpunkte – auf der anderen Seite ist gerade die Individualität der Figuren ein Faktor, von dem sich die Aura der Bilder nährt. Jede dieser Faltungen ist so einzigartig, dass sich die verschiedensten Assoziationen einstellen. Eine wesentliche liefert der Künstler mit dem Titel der Serie: er nennt sie ‘Grey’s Grace‘.
Die Anspielung an die Grazie des Tanzes, die ja im klassischen (russischen) Ballett von der Ballerina im weißen Tutu personifiziert wird, liegt auf der Hand. Die Pose, die in der Choreografie die Tänzer immer wieder zu einer Moment-Starre nötigt, hat ihre abstrakte Entsprechung in der Statue aus Papier. Vor allem die Beleuchtungs-Dramaturgie der Bilder, die der Kunstfigur durch die Lichtbrechung an den Kanten noch mehr Plastizität verleiht, hält das Dargestellte wie auf einer Bühne in Spannung. So könnte auch der gegenstandslose Hintergrund als Bühne gelesen werden: der prägnante Schlagschatten macht den abstrakten Fond zum Raum. (Es verwundert nicht, dass der Ukrainer Ivan Schmidt in einer anderen Werkserie Tuschezeichnungen von Ballett-Tänzern anfertigt.)

Jedes Gemälde aus der Serie Grey’s Grace hat eine andere Stimmung, die nicht nur durch die Figur im Vordergrund geprägt ist. Es sind auch die Grauwerte, die variieren und zur Gefühlstendenz beitragen: Sie können in Nuancen vom Eisblau über Lehm bis hin zum Rosa schimmern. Der Maler hat großen Wert auf die Abstimmung dieser lasierten Graustufen gelegt. Sie sind subtil und mehrdeutig in ihrer Erscheinung, die Töne auf einem Bild können je nach Situation in der Farbaussage changieren. So sind auch manche der Arbeiten weicher gezeichnet, andere härter – das beeinflusst ihre Stofflichkeit, lässt jedoch die Frage nach ihrem Wesen ungeklärt. Doch die ist nicht einfach zu beantworten, denn es handelt sich um Zwitter, die sowohl der abstrakten Plastik und der Farbfeld-Malerei huldigen, als auch dem Realismus verpflichtet sind.

In Erinnerung kommt die Kunst der Surrealisten, die ebenfalls zwei Ebenen – den Traum und die Wirklichkeit – vermischte. So lohnt hier ein Blick auf Ives Tanguy, der mit Bildern wie ‚Divisibilité indéfinie‘ von 1942 eine grenzenlos leere, im Grau-Blau verschwimmende Landschaft schuf, in deren Vordergrund er, monumental, ein seltsames Artefakt aus Röhren und Bügeln aufbaute. Die Leere des umbauten Raumes, die sich bis zur Transzendenz entstofflicht, ist wiederum das Thema des zeitgenössischen Malers Ben Willikens. Seine klassischen Innenräume sind von der Lichtführung bestimmt und streng in den Werten von Weiß bis Grau gehalten. Der Einfluss des ehemaligen Rektors der Münchner Akademie auf den Studenten ist nachvollziehbar.

Bei Ivan Schmidt besticht die konsequente Disziplin, mit der er seine Arbeit an der Serie weiterführt. Er selbst zog den Vergleich zu einem Alphabet heran, bei dem jeder Buchstabe verschieden ist, aber doch wie alle anderen einem Zweck, der Schrift, dient. Hier sind Ansätze einer individuellen Mythologie spürbar, die eine rein formalistische Deutung überzeichnet. Deshalb solle diese Kunst auch nicht auf ihren geometrischen Aspekt, das Interesse an den extravaganten Faltungen eines Rechtecks, reduziert sein – wenn dies auch ein attraktiver Teil ist.

Eher noch hat Ivan Schmidts Projekt etwas mit konzeptuellen Denkweisen gemein. Als Beispiel mag hier der Maler Peter Dreher aus dem Karlsruher Kreis erwähnt sein, der in der Serie ‚Tag um Tag ist guter Tag‘ seit 1974 über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten ein Sujet widerholte: er malte ein transparentes Glas Wasser vor einer zweigeteilten grauen Fläche. Die Klarheit dieses Bildschemas, das rituelle Züge aufweist, ist in ihrem Realismus ganz diesseitig.

Dagegen manifestiert sich die Wirkung von Ivan Schmidts Werkfolge ‚Grey’s Grace‘ in dem, was man nicht sieht: Die federgewichtige, weiße Balance der papierenen Konstruktionen im Widerspruch zu ihrer physikalischen Präsenz. Ihre Beziehung zu einem Bildraum, der sich der Definition entzieht. Das sind Rätsel, die diese Bilder aufgeben. Doch ihr eigener Dialog von Hyperrealismus und Abstraktion ermöglicht ein Gleichgewicht, dessen wichtigste Eigenschaft die Ruhe ist. Denn ähnlich einer Meditationsform wie dem Mandala sind die Darstellungen auf ein Zentrum bezogen und laden zum mentalen Vertiefen ein.

So wirkt es wohltuend in einer Epoche der lauten Eloquenz in der Bildenden Kunst, wenn ein junger Künstler in der Lage ist, mit seinen Bildern einen Moment der Stille in der allgegenwärtigen Betriebsamkeit zu schaffen.

Dr. Barbara Rollmann-Borretty